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Die Gelegenheit (Kairós) von Berlin im November 1918

„Seid bereit! Für uns’re Stunde und unsre Zeit“ (Lied der Matrosen) – Vortrag mit Alexander Neupert-Doppler

100 Jahre nach der letzten Revolution in Deutschland gleiten Veranstaltung darüber leicht in Nostalgie ab. Stattdessen wäre kritisch zu fragen, was aus den Ereignissen nach dem Matrosenaufstand gegen den Weltkrieg gelernt werden kann. Eine wichtige Lehre formulierte 1935, bereits im Exil, der Rätekommunist und Pädagoge Otto Rühle: „Als die Revolution 1918 die Sozialdemokratische Partei Deutschlands plötzlich vor die Aufgabe stellte, die Sozialisierung praktisch durchzuführen, versagte sie unter Kleinmut, Ausflüchten und Mißgriffen in beschämender Hilflosigkeit. Ihr fehlte der Mut zum Neuen – zur Utopie“ (Rühle 1935 13).

Geschichte ist nicht nur eine Geschichte von Klassenkämpfen, sondern auch die Geschichte verpasster und ergriffener Gelegenheit. Und diese kommen plötzlich! Bereits in Debatten der 1920er Jahre wurde dafür der griechische Begriff des Kairós, richtige Zeit, im Gegensatz zum Chronos, verfließende Zeit, verwendet. Der Sozialist Paul Tillich stellte als einer der Ersten die These auf, dass Befreiung nicht das Ergebnis eines chronologischen Fortschritts sein kann, sondern das Nutzen kairologischer Gelegeheiten ist. An diesem Abend wird diese geschichtsphilosophische These anhand der Ereignisse von 1918 geprüft und über ihre Bedeutung für 2018 diskutiert.

Der Vortrag beginnt am 15.10.2018 um 19.00 Uhr in den Räumen der Falken (Sub) Bohlweg 55.

Revolution in Deutschland 1918-23 – Vortrag mit Daniel Kulla

Revolution in Deutschland 1918-23
Vortrag mit Daniel Kulla

Die Novemberrevolution 1918 hat es gerade so ins landläufige Geschichtsbild geschafft, zumindest unter Linken geht sie noch bis Januar 1919 weiter. Der Höhepunkt der revolutionären Bewegung im März 1919 ist hingegen unter den diversen historischen Siegererzählungen fast verschwunden, was auch die Rückschau auf die weiteren Massenstreiks, Sozialisierungen und Erhebungen bis 1923 sowie die Folgegeschichte prägt. (Nazis redeten nicht gern genauer darüber, wen sie da zusammengeschossen hatten und für wen; die SPD redete gar nicht gern darüber, auf wen sie die ersten Nazis so alles hat schießen lassen; die KPD redete nicht ganz so gern darüber, auf wen geschossen wurde, wenn es nicht ihre Leute waren oder sich zumindest als solche reklamieren ließen.)

So ist das wichtigste revolutionäre Vorbild in der deutschen Geschichte genau deshalb fast vergessen, weil es in so hohem Maß selbstorganisiert war und damit nicht in die übliche nationale wie antinationale Vorstellung vom Deutschen passt, sich weder für Vereinnahmung noch als Schreckbild anbietet. Gleichermaßen in Vergessenheit geraten sind die Konsequenzen: Sowohl der Aufstieg des Nationalsozialismus als auch sein konkretes Erscheinungsbild – mehr als bei jedem anderen Faschismus eine Verkleidung als Arbeitskräfterevolution – erscheinen ohne diese Vorgeschichte kaum begreiflich. Kulla schlägt vor, die kommenden fünf Jahre der revolutionären 100. Jahrestage ab November 2018 dazu zu nutzen, diese Geschichte so sichtbar wie möglich zu machen.

Los geht es am 10.09. um 19.00 Uhr im Sub, Bohlweg 55.